Zweiwochenschrift »Revolution«

herausgegeben von Hans Leybold, Franz Jung u. Hugo Ball
im Verlag Heinrich F.S. Bachmair, München (1889-1960)

Die Zeitschrift erschien als Jg.1 (1913), Nr.1 (15. Okt.) - 5 (20. Dez.)
in einer Auflage von 3000 Ex. zum Preis von 10 Pf.

Die erste Nummer wurde wegen des Gedichts "Der Henker" von Hugo Ball vorübergehend konfisziert.

Autoren:
Baum, P.; Becher, Johannes R.; Bass, E.; Brod, Max; Cendrars, B.; Guttmann, S.; Hennings, Emmy; Hoddis, Jakob van; Huelsenbeck, Richard; Hasenclever, Walter; Jung, Franz; Mühsam, Erich; Lasker-Schüler, Else; Lichtenstein, R.; Musil, Robert; Rubiner, Ludwig; Schickele, P.; Unger, E.

In dieser expressionistischen, im gewissen Sinne früh-dadaistischen Zeitschrift mit libertären Tendenzen veröffentlichte fast die gesamte litearische bzw. künstlerische Avantgarde dieser Zeit. Die erste Nummer vom 15. Oktober 1913 brachte einen Revolutionsaufruf von Erich Mühsam. Die Nr.5 vom 20. Dezember 1913 war eine Sondernummer für Georg Groß, dem "Psychoanalytiker der Münchner Boheme", der sich der Gruppe "Aktion" um Franz Pfemfert angeschlossen hatte. Er wird im November 1913 als gefährlicher Anarchist verhaftet, nach Österreich abgeschoben und schließlich auf Veranlassung seines Vaters (Hans Groß, Prof. für Kriminalistik) in der Privat-Irrenanstalt Tulln bei Wien interniert. Das Urteil der Amtsärzte lautete: Wahnsinn im Sinne des Gesetzes. Nach einer breit angelegten Pressekampagnie, die eine gewaltsame Befreiung befürchten ließ, wird Otto Groß am 8. Juli 1914 als geheilt entlassen, bleibt aber weiter unter Kuratel.
Der Bezug der Zeitschrift zum Anarchismus wird von van den Berg explizit untersucht. Er kommt zu der Einschätzung:
"Im Hinblick auf das Verhältnis zum sozialpolitischen Anarchismus im Umkreis der Zeitschrift 'Revolution' läßt sich [...] zunächst folgern: Der Anarchismus wird wahrgenommen und auf den Anarchismus wird zwar angespielt, der sozialpolitische Kern des Anarchismus bleibt jedoch unberücksichtigt, schwingt nur noch sehr verschwommen mit oder wird sogar ausgeklammert. Im expressionistischen Aufbegehren, so wie dieses sich in 'Revolution' abzeichnet, wird zwar auf den Anarchismus angespielt, zugleich wird dieser Anarchismus entpolitisiert. Er wird zum vitalistischen Insignum und Stilismus, zum Hinweis auf die Radikalität eines politisch unbestimmten Unbehagens und diffusen Aufbruchs.
Indessen wird der Anarchismus nicht nur in entkernter Form äußerlich angeeignet. Insofern der Anarchismus nicht als Gesamtpaket übernommen wird, kann in dieser Hinsicht bei der Zeitschrift 'Revolution' von Anarchismus im Sinne des anarchistischen Selbstverständnisses nicht gesprochen werden. Trotzdem gab es insbesondere ein Element aus der damaligen anarchistischen Theoriebildung und Praxis des Boheme-Anarchismus, das nicht nur in Mühsams manifestartigem Auftakt im ersten Heft von 'Revolution' einen wichtigen Platz einnahm, sondern auch in anderen Beiträgen in 'Revolution' übernommen wurde bzw. im expressionizischen subkulturellen und literarischen Selbstverständnis ebenfalls einen Schwerpunkt bildete: die Freisetzung reglementierter, unterdrückter Sexualität aus der Zwangsjacke bürgerlicher Konventionalität - die sogenannte ,freie Liebe'." (Berg: Avantgarde und Anarchismus, S.125)