.

.

 

Klaus Bartels

Roms sprechende Steine

Inschriften aus zwei Jahrtausenden

Verlag Philipp von Zabern
308 Seiten mit 14 Schwarzweißabbildungen:
Format 17 x 24 cm; Ln. mit Schutzumschlag
ISBN 3-8053-2690-4
DM 78.-/sFr. 71.-/öS 569.-

Autor

D. Klaus Bartels
Verlagstätigkeit bei Artemis und Heimeran;
Lehrtätigkeit an der Kantonsschule Zürich;
Zeitungskolumnen in der Neuen Zürcher
Zeitung und Stuttgarter Zeitung;
zahlreiche Buchveröffentlichungen zur
griechischen und römischen Antike

Ein Romführer ganz spezieller Art wird uns von Klaus Bartels vorgelegt: ein steinerner Stadtführer sozusagen. Es sprechen die Steine Roms von Obelisken und Brunnen, Tempeln und Basiliken, Triumphbögen und Brücken, Palästen und Bürgerhäusern, Statuen und Grabmälern und sie sprechen alle lateinisch. In 14 Spaziergängen wird der Leser durch den inneren Stadtbereich Roms geführt – von Inschrift zu Inschrift. Die Sammlung ist zweisprachig gehalten und das ist gut so, denn manche Inschriften sind so gebrochen und verschliffen, so abgekürzt und verschlüsselt, dass auch ein geübter Lateiner sich am Ende seines Lateins sieht. Der Autor hat alle Inschriften vor Ort transkribiert, präzise übersetzt und mit wertvollen Erläuterungen versehen.
Die Sammlung enthält ungefähr 200 Inschriften, die ältesten aus der Zeit des Augustus, die jüngsten aus dem Heiligen Jahr 1983/84; die meisten aus dem päpstlichen Rom seit der Renaissance.
Es ist ein äußerst reizvolles Unterfangen, den von Bartels vorgeschlagenen Spaziergängen zu folgen. Es ist zugleich ein räumlicher wie auch ein zeitlicher Spaziergang. Dank der zahlreichen Querverweise und Rückbezüge des Autors wird offenkundig, auf welch raffinierte Weise die Mächtigen jeglicher Zeiten sich auf Machtsymbole früherer Epochen berufen oder diese gar usurpieren. Ein eindrückliches Beispiel hierfür ist das Kolosseum oder das „Flavische Amphitheater“, so die antike Bezeichnung des Bauwerks (die Bezeichnung „Kolosseum“ stammt aus dem Mittelalter und findet sich erstmals in einem Spruch des angelsächsischen Benediktiners Beda um 700, wie wir aus einer Fußnote von Bartels entnehmen können). Gleich drei Päpste haben die Gelegenheit genutzt, der Katholischen Kirche und wohl auch der eigenen Person durch Inschriften auf dem Kolosseum Triumph und Berühmtheit zu verschaffen. So lesen wir denn auf der Ostseite des Kolosseums:

“Das Flavische Amphitheater,
durch Triumphe und Schauspiele ausgezeichnet
das den Göttern der Heiden in unfrommem Kult geweiht war,
 ist durch das Blut der Märtyrer von dem unreinen Aberglauben
entsühnt worden.“
Dass die Erinnerung an ihre Tapferkeit nicht verloren geht
hat das Gedenkwort,
das, von Papst Clemens X.
im Jahre des Jubiläums 1675
auf die weißgetünchten alten Mauern aufgemalt,
durch die Unbill der Zeiten ausgelöscht worden war,
Papst Benedikt XIV.
auf Marmor wiedergeben lassen
im Jahre des Jubiläums 1750, seines Pontifikats 10.

Auf der Westseite des Kolosseums folgt eine Wiederholung der Schrift mit Gedenken an Papst Pius IX.
Zahlreiche Bauten, Säulen, Obelisken sind wohl der Zerstörung nur entgangen, weil sie umgedeutet wurden und so als Zeugen für den Triumph der christlichen Kirche über die „heidnischen Götter“, die „schuldbefleckten“ Götzen, die „erlogenen Götter“.

Manchmal spricht gar eine Säule oder ein Obelisk in eigenem Namen, wie zum Beispiel die Mark-Aurel-Säule auf der Piazza Colonna , nachdem sie durch Papst Sixtus V. „von allem Unglauben gründlich gereinigt“ und dem Apostel Paulus geweiht war:

Triumphal
und heilig bin ich jetzt
da ich Christus wahrhaftig gläubigen
Schüler trage,
der durch des Kreuzes
Verkündigung,
über Römer
und Barbaren
triumphiert hat.

Damit soll Paulus über den römischen Kaiser triumphieren, der nur über allerlei Barbaren gesiegt hat.

Noch persönlicher spricht der Obelisk auf der Piazza del Popolo. Ist auf der Nord- und Südseite der Basis zu lesen, wie Augustus den Obelisken, nachdem Ägypten in die Gewalt des römischen Volkes gebracht war, der Sonne zum Geschenk gegeben hatte, so liest man dann auf der Westseite die Fortsetzung der Geschichte des Obelisken, wonach Papst Sixtus V. ihn 1589 dem unbesiegbaren Kreuz weihen ließ, um dann schließlich auf der Ostseite die persönliche Stellungnahme des Obelisken zu lesen, der gesteht, dass er vor dem Gotteshaus der Maria erhabener (augustior – in Anspielung auf den Ehrentitel „Augustus“ des Kaisers Octavian) und freudiger aufrage. Augustus findet nur noch insofern Erwähnung, als unter seiner Regierung die Sonne der Gerechtigkeit (Christus – diesmal im Gegensatz zum Sonnengott, dem der Obelisk ursprünglich geweiht war) aufgegangen sei.

Wendet man sich den Inschriften aus der römischen Kaiserzeit zu, so wird unmittelbar begreifbar, wie sehr sich die späteren Machthaber der „ewigen Stadt“ an Zeichen und Symbolen, aber auch an der Sprache der ersten Ruhmeszeit Roms orientiert haben. Bilder, Gedanken ausgedrückt in eleganter Knappheit gaben ein Vorbild ab, dem man auch in späteren Zeiten zu entsprechen suchte. Nicht alles erscheint gelungen, manches wirkt pompös, besonders auch die schwülstigen lateinischen Inschriften aus faschistischer Zeit. Doch auch da kann man sich verblüffen lassen, wenn man an einer Häuserfront auf der Piazza Barberini das knappe, brillante Wortspiel „TEMPORA / TEMPORE / TEMPERA“ (Zügle die Zeiten durch die Zeit) vor Augen hat. Allerdings, ist in einer Fußnote zu lesen, findet sich der Spruch zusammen mit zwei anderen und den Jahreszahlen 1573/1574 bereits an der Decke einer engadinischen Arvenholzstube, in der Pensiun Chasté in Sils Baselgia. Die ursprüngliche Quelle dieses raffinierten Spruchs ist nicht nachgewiesen; beim Lesen von Bartels Romführer könnte man aber leicht dem Fieber erliegen, einer solchen Suchaufgabe nachzujagen.
Raffiniert und kunstvoll auch der Grabspruch auf dem Sarkophag des Kardinals Auxias de Podio:

UT MORIENS VIVERET
VIXIT UT MORITURUS

Die sprachliche Schönheit des Originals, hervorgerufen durch die strenge Symmetrie und die Beschränkung auf zweimal drei Worte (zweimal „sterben“, zweimal „leben“, zweimal „ut“ in zwei verschiedenen Bedeutungen) ist schlichtweg unübersetzbar. Doch auch in solchen Fällen liefert uns Bartels, wenn auch mit einem Seufzer des Bedauerns,  die Übersetzung:

“Dass er, wenn er sterbe, lebe,
 lebte er wie einer, der sterben wird“

Viel Interessantes ist unter Bartels Führung zu entdecken: die Inschrift an der Brüstung am linken Tiberufer, der zu entnehmen ist, dass die als „gebrochene“ benannte Brücke unter Papst Xystus IV. wiederhergestellt wurde, weil er zum Jubiläum eine riesige Pilgermenge erwartete. Die Aufforderung für eben diesen Papst Xystus, den besten, zu beten, damit er noch lange heil erhalten bleibe. Rätselhaft dagegen die Inschrift an der Villa Farnesina aus dem 17. Jahrhundert:
“Wer immer du hier herantrittst:

was dir schaurig scheint,
ist mir lieblich.
Wenn es (dir) gefällt, magst du bleiben;
wenn es (dich) ekelt, magst du gehen –
beides ist (mir) recht.“

Ob je der Kontext zu dieser seltsamen Aufforderung enträtselt werden wird?

Etwas vom Reizvollsten sind im Winkel zwischen der Porta del Popolo und der Caserma Giacomo Acqua .
die Versinschriften zum Tiberpegel von 1530 und 1598, als es zu katastrophalen Hochwassern kam

Als der verwegene Fluss die hierunter angebrachte Anzeige seiner selbst
erreichte, sich selbst gleich, doch niedriger als der nahe gelegene
Brunnen, sagte er: „Wie gehen höher; mich übertrumpfen zu lassen, steht mir nicht an.
Ruhm bei allen will ich mir erjagen; den Himmel will ich genießen
aus größerer Nähe, und dem neuen Jahrhundert will ich mich überliefern
so mächtig, wie die alte Zeit sich nicht zu erinnern vermag.
Die Marken, Quirinus, drücke hier ein: Hier bin ich, der Tiber, gewesen“

Er trat über die Ufer am 9.Tag, vor den Kalenden des Januar 1599,
im Jahre 7 Papst Clemens’ VIII.

Hervorragend, wie man sich durch den gelungenen Anthropomorphismus, beinahe in eine Metamorphose Ovids versetzt fühlt.

Roms sprechenden Steinen zu lauschen unter kundiger Führung von Klaus Bartels bietet eine große Bereicherung und einen seltenen Genuss.

[in eigenem Fenster zum Ausdruck >]