|
Da sitz ich
nun und webe Leinen. Im Traume kann ich Fleisch im Leibe wähnen, im Traum kann ich an einem Weibe lehnen. Doch wach muß ich, solang ich lebe, weinen.
Der arme Weber
|
6. April 1878 -
10. Juli 1934
|
seine Lebensstationen:
1878 - am 6. April in Berlin geboren als Sohn des Apothekers Siegfried (1838-1915) und der Rosalie, geb. Cohn (1849-1899)
1879 - Neujahr: Übersiedlung nach Lübeck
1887 - Eintritt in die Sexta des Katharineums (humanistisches Gymnasium) zu Lübeck
1896 -
in der Untersekunda vom Gymnasium gewiesen "wegen sozialistischer Umtriebe"
(er hatte eine Glosse über den
Direktor des Katharineums im sozialdemokratischen "Lübecker Volksboten"
veröffentlicht);
Absolvierung der Sekunda am Gymnasium in Parchim;
Veröffentlichung anonymer Artikel in Lübecker Tageszeitungen zu lokalen
Ereignissen
1897-99 - Apothekerlehre in Lübeck
1898 - Erste Veröffentlichungen außerhalb Lübecks (Aufsätze und Gedichte)
1899 – Tod der Mutter
1900 -
Prüfung und Arbeit als Apothekergehilfe
in Lübeck und in Blomberg/Lippe
Übersiedlung nach Berlin, Anschluss an den Dichterkreis "Die Neue
Gemeinschaft"
Beginn der Freundschaft mit Gustav Landauer
ab 1901
– freier Schriftsteller, Bekanntschaft mit Vertretern der Berliner Boheme;
erste politisch-satirische Gedichte in "Der wahre Jacob"
1902 -
Übersiedlung nach Friedrichshagen, Bekanntschaft mit dem Friedrichshagener
Dichterkreis
Redakteur der Zeitschrift "Der arme Teufel" (1902-1903)
erste Kontakte zu anarchistischen
Gruppen
1903 -
Lebt in Berlin-Charlottenburg; wird
als anarchistischer Agitator unter ständige Polizeiaufsicht gestellt
Erste selbständige
Veröffentlichung: "Die Homosexualität. Ein Beitrag zur Sittengeschichte
unserer Zeit", Singer Verlag Berlin
1904-08
– Wanderjahre: zusammen mit Johannes Nohl Reisen in die Schweiz, nach
Italien, Frankreich und Österreich
Kontakt zu anarchistischen Gruppen in verschiedenen Ländern
Zusammen mit Hans Heinz Ewers:
"Billys Erdengang. Eine Elephantengeschichte für artige Kinder. Verse von
Onkel Franz", Globus Verlag Berlin. Erster Gedichtband: "Die Wüste", Eißelt
Verlag Berlin.
1905 -
Längerer Sommeraufenthalt in Ascona.
"Ascona. Eine Broschüre", Verlag Birger Carlson, Locarno.
"Die Psychologie der Erbtante. Eine Tantologie aus 25 Einzeldarstellungen
als Beitrag zur Lösung der Unsterblichkeitsfrage", Schweizer Druck- und
Verlagshaus Zürich.
1906 - Wegen Verbreitung eines Flugblatts in Berlin zu 500 Mark Geldstrafe verurteilt. Aufenthalt in Wien. Bekanntschaft mit Karl Kraus. "Die Hochstapler. Lustspiel in vier Aufzügen", Piper Verlag München
1907 - Aufenthalte in Paris, München, in Italien und der Schweiz. Liebesbeziehung zu Frieda Gross
1908 -
ab November: ständiger Wohnsitz in München
"Die Jagd auf Harden"
(Streitschrift), Neuer biographischer Verlag Berlin
1909 -
Freundschaft mit vielen Künstlern der Schwabinger Bohème
Mai: Gründung der "Gruppe Tat", Propagierung des von Gustav Landauer
gegründeten "Sozialistischen Bundes"
1910 - Juni: Anklage wegen "Geheimbündelei" - der Prozess endete mit einem Freispruch. Der Protest seiner Schriftstellerkollegen Herrmann Bahr, Heinrich Mann, Thomas Mann und Frank Wedekind gegen den folgenden Presseboykott blieb erfolglos.
1911 - April: Erste Nummer seiner Zeitschrift "Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit", Kain-Verlag München. Erscheint monatlich von April 1911 bis Juli 1914
1912 -
Beitritt zum Schutzverband deutscher Schriftsteller (SDS)
"Kain-Kalender für das Jahr 1912",
Kain-Verlag München
1913 - "Kain-Kalender für das Jahr 1913", Kain-Verlag München
1914 -
Bei Kriegsausbruch Einstellung des "Kain";
nach anfänglichen Irritationen entschiedene Stellungnahme gegen den Krieg;
aktive Antikriegsagitation - ständige Überwachung durch die Polizei
"Die Freivermählten. Polemisches
Schauspiel in drei Aufzügen", Kain-Verlag München.
"Wüste-Krater-Wolken. Die Gedichte von Erich Mühsam", Verlag Paul Cassirer
Berlin
1915 -
nimmt Kontakte zu Pazifisten und
linken Sozialdemokraten auf, um einen Aktionsbund gegen den Krieg zu
gründen.
Juli: Tod des Vaters
15. September: Hochzeit mit Kreszentia (Zenzl) Elfinger
1916 -
Teilnahme an der Hungerdemonstration auf dem Marienplatz in München;
Annäherung an die USPD, den Spartakusbund und die Bremer Linke
propagiert die revolutionäre
Beendigung des Krieges
Beginn der Niederschrift von "Abrechnung" (Abhandlung zur Kriegsschuldfrage)
1917 -
Versuch der Schaffung eines Aktionsbundes antimilitaristischer Gruppen zur
revolutionären Beendigung des Krieges
Mitarbeit im Gesprächskreis Kurt
Eisners (USPD)
nach der Oktoberrevolution in Russland linke Opposition zu Eisner
1918 -
im Münchner Januarstreik der
Munitionsarbeiter Aufruf zur Revolution
März: Einberufung zum "Vaterländischen Hilfsdienst". Nach Verweigerung
bis 31. Oktober: Festungshaft in
Traunstein;
24. April: Verhaftung wegen Verstoßes gegen das politische
Betätigungsverbots und der Weigerung am "Vaterländischen Hilfsdienst"
teilzunehmen;
3. November: Rückkehr nach München.
7. November: Ausrufung der Revolution in München durch Eisner.
Führende Mitwirkung im Revolutionären Arbeiterrat (RAR), Kampf um die
Durchsetzung des Rätesystems.
18. November: Mit einem Flugblatt beginnt das Wiedererscheinen von "Kain" (9
Nummern bis 25. April 1919).
30. November: gründet die Vereinigung Revolutionärer Internationalisten (VRI)
zur Radikalisierung der Rätebewegung. Zusammenarbeit mit der Spartakusgruppe
30. November: Gründung der "Vereinigung revolutionärer Internationalisten" (VRI);
ab 10. Dezember: 14-tägliche Herausgabe des Kain;
1919 -
10. Januar: Verhaftung mit anderen führenden Mitgliedern des RAR und der
KPD, Freilassung nach Protestdemonstrationen der revolutionären
Arbeiterschaft;
28. Februar: Ablehnung Mühsams Vorschlag, in Bayern die Räterepublik
auszurufen, durch den Münchner Rätekongress;
7. April: Gründung der Münchner Räterepublik;
Mühsam versucht, revolutionäre Dekrete durchzusetzen
13. April: Verhaftung nach dem sozialdemokratischen Palmsonntagsputsch
(Zuchthaus Ebrach);
7.-12. Juli: Hochverratsprozess vor einem Standgericht - 15 Jahre
Festungshaft, Antritt der Festungshaft in Ansbach;
September bis November: Mitglied
der KPD. Austritt nach Verkündigung der "Heidelberger Leitsätze."
Mühsam wird Opfer einer mehrjährigen Diffamierungskampagne kommunistischer
Mithäftlinge.
"1919. Dem Andenken Gustav Landauers" (Dichtung), Verlag Leon Hirsch, Berlin
1920 -
Oktober: Überführung in die Festungshaftanstalt Niederschönenfeld;
rege schriftstellerische und publizistische Tätigkeit:
"Brennende Erde. Verse eines
Kämpfers", Kurt Wolff Verlag, München.
"Judas. Ein Arbeiterdrama" (Der Malik Verlag Berlin 1921)
"Die Einigung des revolutionären Proletariats im Bolschewismus" (1920/22 in:
"Die Aktion")
"Von Eisner bis Leviné" (1929 im Fanal-Verlag Berlin).
1921 -
März: Uraufführung "Judas" in Mannheim.
Drei Monate Gefängnishaft wegen Beleidigung des bayerischen Justizministers
Müller-Meiningen.
Beginn der Niederschrift des Romans "Ein Mann des Volkes".
1923 - "Das Standrecht in Bayern" (Streitschrift), Vereinigung internationaler Verlagsanstalten Berlin
1924 - 21. Dezember: Haftentlassung auf Bewährung; ständiger Wohnsitz in Berlin-Charlottenburg
1925-32 - Aktive Mitarbeit in der Gefangenenhilfsorganisation "Rote Hilfe Deutschlands"; Kampf gegen die Weimarer Klassenjustiz;
1925 -
Intensive Vortrags- und Reisetätigkeit für die Rote Hilfe Deutschlands (RHD),
Häftlingsbetreuung; Kampf gegen Klassenjustiz und um Verbesserung der
Haftbedingungen.
Ausschluss aus der Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands (FKAD)
wegen seiner Zusammenarbeit mit der KPD, danach Wortführer der
Anarchistischen Vereinigung Berlin.
"Revolution. Kampf-, Marsch- und Spottlieder", Verlag Der Freie Arbeiter,
Berlin.
"Alarm. Manifeste aus 20 Jahren", Verlag Der Syndikalist, Berlin.
"Seenot" (Dichtung), Verlag der Schriften, Wien
1926
aus dem Judentum ausgetreten
Die Monatszeitschrift "Fanal",
Fanal-Verlag Berlin, erscheint ab Oktober (bis Juli 1931). Kritik an Politik
und Kultur der Weimarer Republik, Propagierung eines revolutionären
Bündnisses "links von den Parteien", Warnung vor dem Faschismus.
"Gerechtigkeit für Max Hoelz!" (Streitschrift), Verlag Rote Hilfe, Berlin
1927 -
Mitglied im künstlerischen Beirat der Piscator-Bühne. Umzug in die
Hufeisensiedlung Berlin-Britz.
Ab September Veröffentlichung der "Unpolitischen Erinnerungen" in der "Vossischen
Zeitung" (25 Folgen bis April 1929).
1928 -
Aufführung "Judas" an der Piscator-Bühne. "Sammlung 1898-1928". J. M. Spaeth
Verlag Berlin.
"Staatsräson. Ein Denkmal für Sacco und Vanzetti", Verlag Gilde
freiheitlicher Bücherfreunde, Berlin.
1929 -
15. Januar:
Austritt aus der
"Roten Hilfe Deutschlands"
RHD.
April: Uraufführung "Staatsräson" in Berlin. "Von Eisner bis Leviné",
Fanal-Verlag Berlin.
1930 - Niederschrift des Theaterstücks "Alle Wetter".
1931 -
Intensive antifaschistische Agitation als Publizist und Redner.
Befristetes Verbot von "Fanal".
Oktober 1931:
Ausschluss aus dem Schriftstellerverband
SDS, zusammen mit anderen
oppositionellen Mitgliedern;
August
1932: letzte Nummer des "Fanal"
Teilnahme an Aktionen gegen Faschismus und Krieg
1933 -
"Die Befreiung der Gesellschaft vom
Staat" (Programmschrift), Fanal-Sonderheft, Fanal-Verlag Berlin.
20. Februar: Redner auf einer
gegen den Faschismus gerichteten Mitgliederversammlung der Berliner
Ortsgruppe des SDS;
27./28. Februar: Verhaftung in der
Nacht des Reichstagsbrandes durch die SA,
Gefängnis Lehrter Straße, KZ Sonnenburg,
Plötzensee,
in Plötzensee entstehen "Verse und Bilder für Zenzl"
KZ Brandenburg, 14
Monate lang Folter und Misshandlungen ausgesetzt
1934 -
2. Februar: Verlegung ins KZ Oranienburg;
internationale Bemühungen um seine Befreiung bleiben erfolglos.
In der Nacht vom 9. zum 10. Juli Ermordung durch ein bayerisches SS-Kommando
16. Juli: Beisetzung auf dem
Waldfriedhof Berlin-Dahlem